m Mittelalter war dem Menschen in jedem Augenblick die
überirdische Welt gegenwärtig [1]. Man versuchte in jeder
Situation im Einklang mit den himmlischen Mächten zu leben, damit man vor Unheil im Leben verschont
blieb.

er Mensch des Mittelalters glaubte,
er würde für seine Sünden, die er zu Lebzeiten begangen hatte, das Fegefeuer erleiden
müssen. Er konnte dem nur entgehen, wenn er für seine Sünden etwas tat, damit ihm das Fegefeuer
erlassen werden würde. Dies waren nach mittelalterlichen Verständnis die Ablassleistungen. Einen
Ablass konnte er durch eine Wallfahrt erreichen oder, wenn er reich war, indem er der Kirche etwas spendete
oder Reliquien sammelte [2]. Es gibt Berichte über reiche
Patrizier, die so viele Reliquien gesammelt hatten, dass ihnen mehrere tausend Jahre Fegefeuer erspart bleiben
würden [3].
Wallfahrten oder auch Pilgerfahrten wurden grundsätzlich zu Orten unternommen, an denen ein Wunder geschehen sein soll oder an denen mächtige Reliquien standen. Diese Reliquien wurden von den Kirchen dann zur Schau gestellt und der Pilger konnte gegen einen kleinen Obolus sich diese Reliquie ansehen oder sogar berühren. Der Pilger glaubte, es würde ein wenig der Heiligkeit der Reliquie auf ihn übergehen und ihn würden seine Sünden dadurch erlassen.
Der Reliquienkult nahm dabei nicht selten solche Ausmaße an, dass es durchaus vorkam, dass es von einer Reliquie zwei oder drei gab. In Nürnberg sind zum Beispiel zwei Köpfe des Heiligen Sebaldus (Bild) bekannt [4], die gleichermaßen verehrt wurden.
Jeder Pilger war mit Eifer bemüht als persönliche Erinnerung zur frommen Betrachtung sichtbare Zeichen seiner vollendeten Pilgerfahrt mit nach Hause zu bringen 5]. Er glaubte, die Macht der dort verehrten Heiligen würden in diesem Zeichen wirksam werden [6]. Die Pilgerabzeichen konnte er am Ort seiner Wallfahrt erwerben. Es ist demnach also nicht verwunderlich, dass sich aus der Herstellung, Vermarktung und dem Verkauf von Pilgerabzeichen aus Blei und Zinn ein ganzer Industriezweig entwickelte und Unsummen von Geld damit verdient wurde.
Es konnte aber auch durchaus vorkommen, dass ein Pilger nicht freiwillig auf einer Pilgerreise war. Verbrecher konnten zu dieser Zeit nämlich zu einer Pilgerfahrt verurteilt werden. Dies waren sogenannte auferlegte Sühnefahrten, die diesem von der Obrigkeit oder der Kirche auferlegt wurden [7]. Das mag heute sehr human klingen, aber wenn man davon ausgeht, dass nur ca. 40-50% von einer weiten Pilgerreise wiederkehrten, weil sie wilden Tieren zum Opfer vielen oder ausgeraubt und dabei getötet wurden, klingt dies schon nicht mehr so menschenfreundlich. Die Gerichtsbarkeit hatte damit also zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Sie musste zum einen nicht für den Verbrecher Geld ausgeben (z.B. nicht für Nahrung im Gefängnis sorgen) und zum zweiten war doch die Chance sehr gut, dass der Verurteilte überhaupt nicht mehr zurückkommen würde.
Die Tracht des Pilgers bestand aus solider, wetterfester
Kleidung. Er trug ein paar feste Halbschuhe oder Stiefel [8], die
sich auch nach weiten Entfernungen noch nicht abgelaufen haben sollten. Bei sehr langen Reisen hatte er wohl
noch ein Reservepaar dabei.
Er trug weiter eine normale Hose und einen Wams, an dem die Hose befestigt war. Darüber trug der Pilger oft einen einfachen, meist knielangen tunikaähnlichen Schlupfrock, den er mit seinem Gürtel zusammenhielt. Desweiteren hatte er meist einen langen warmen Mantel bei sich. Der Mantel war eines der wichtigsten Kleidungsstücke, denn er schützte den Pilger nicht nur vor dem schlechten Wetter, sondern er war zugleich auch seine Decke für sein Nachtlager.
Auf dem Kopf trug der Pilger einen Hut mit einer weiten Krempe, auf der er meist seine Pilgerabzeichen anbrachte. Außer den Kleidungsgegenständen führte der Pilger meist eine Wasserflasche, oft eine Kürbisflasche, und einen Brotbeutel, oft aus Leder, für sein Reiseproviant, Teller, Messer, Trinkbecher [9] mit sich. Der Beutel wurde mit einem Riemen über der Schulter in Höhe der Taille getragen.
Zu einer Pilgertracht gehörte zuletzt ein Holzstab, möglichst mit einem Haken am Ende [10]. Hierauf konnte er sein nicht benötigtes Gepäck hängen und so mit der Last leichter über der Schulter laufen. Der Haken verhinderte das Abrutschen des Gepäckbeutels. So wurde z.B. der Mantel darüber gehängt, wenn er nicht gebraucht wurde oder die Trinkflasche. Der Stab war aber auch ein sehr gutes Stützinstrument bei unwegsamen Gelände, er konnte außerdem zum herunterschlagen von Baumfrüchten verwendet [11] oder als Waffe gegen wilde Tiere oder Räuber eingesetzt werden.
[1] Kühnel S. 92
[2] Kühnel S. 93
[3] Kühnel S. 93 Exakte Zahlen
[4] Sprusansky S. 110
[5] Kühnel S. 104
[6] Kühnel S. 104
[7] Kühnel S. 99
[8] Foster S. 212
[9] Foster S. 214
[10] Foster S. 212
[11] Foster S.213
FOSTER Norman, Auf den Spuren der Pilger. Pattloch Verlag, Augsburg 1990
KÜHNEL Harry, Alltag im Spätmittelalter. Verlag Styria, Graz, Wien, Köln; 1990
SPUSANSKY Svetozar, Das Haupt des hl. Sebald. Zur Geschichte des Nürnberger Stadtheiligen und seiner Verehrung. Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg, Band 68; Nürnberg 1981, Selbstverlag
Text: Harald Maußner
Bild: Hl. Sebaldus, aus: Kühnel S. 103